infossil

fossil information ≠ infossil formation

infossil was founded as a corrective connective collective on november one 2001. the group had released an unpredictable array of work in the field of digital nomadics, postapocalyptic poetry, music and film.


Ars Electronica

Digital Declaration
by the infossil corrective

2003

.
we have mutated from collective, connective to corrective.
let us correct you, before it is too late!

..
art is only good for entertaining the troops in times of crisis.


in times of peace, artists behave in affirmative manners.

….
artists are the weakest tribe, fighting their own shadows.

…..
media art has the palest face of all.

……
digital art has only been understood by its chinese inventors
and possibly by binary leibniz.

…….
computers need so much energy for production and operation, that glaciers will melt.

……..
software is a blindborn virus.

………
email is a lame timebomb.

……….
all hardware is sin and will rot.

………..
the internet spams so much fossil energy,
that the sahara will reach your garden very soon.

…………
dot means tod.

………….
digital means finger. we have I0 to operate II hands.
do something now.

…………..
media gives the deepest kisses. save your children.
media kissing is soulsucking deep!

……………
media is the antichrist.
don’t believe a word, the word is a whore.

…………….
unplug now and reverse the stream.

……………..
you are not a nomad, just because you are sent all over the globe with a laptop and a mobile phone.
nomads don’t die at home.

………………
enter life.

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trespass terror.

………………..
trespass terra.

…………………
terra arret.

published in sarai reader 04: Crisis/Media
archive.sarai.net/items/show/3

residence is futile

infossil II 2002

[saup] faqs [weibel]

saup: wo ich aufgewachsen bin, konnte ich mit niemandem sprechen. ich bin daher ins virtuelle gegangen, in die zukunft oder die vergangenheit. die navigation im nichts war die zentrale grundlage des überlebens.

weibel: auch ich habe mir als kind eigene welten geschaffen. vielleicht ist die voraussetzung, um künstler zu werden, dass man automatisch beginnt, sich andere welten zu suchen. es gab niemanden, mit dem ich reden wollte. im gegenteil, ich habe versucht, mich von der ganzen sozialen gemeinschaft zu zurückzuziehen. die normale außenwelt war für mich eher störend. du hast dich auch früh absondiert?

saup: ja.

weibel: … und mit dir selbst dich unterhalten bis zurück über jahrhunderte.

saup: das erste medium, das ich bewusst benutzt habe, waren träume. danach war es die musik, dann die kamera meines vaters, die in einem schrank lag. ich habe sie nachts geklaut, um dann in meinem zimmer kurze szenen zu belichten. um 1980 habe ich angefangen, mit computern zu arbeiten. ich habe gesehen, dass ich hacken kann, dass ich dafür jedoch gar nicht programmieren können muss. ich kann einfach in die codierung eingreifen, die da ist. ich kann sie zerstören und es passiert etwas neues. das hat mich fasziniert. all das war eine hilfe, dem jetzt zu entkommen oder eine strasse in die zukunft zu bauen.

weibel: dass du mit träumen begonnen hast, passt zu meiner theorie, dass medien und technik einer morphologie des begehrens entspringen. die wünsche, das begehren, die sehnsüchte suchen sich irgendeine äußerungsform, eine gestalt, in der sie sich artikulieren. vielleicht setzen die medien also nur die arbeit der träume fort. man kommuniziert mit dingen, die weder räumlich noch zeitlich da sind. durch die medien kann ich die distanz, die dislokation überbrücken. träume machen genau das: sie machen das abwesende anwesend. man träumt und schafft sich dadurch neue erfahrungen.

escape from the program [of experience]

weibel: aber die erfahrung bildet auch ein gefängnis. wenn ich beispielsweise fünf mal einem menschen brot anbiete und er mich jedes mal dafür schlägt, dann weiß ich einfach, dass brot zu geben bedeutet, geschlagen zu werden. diese erfahrung wird man nicht mehr los. eine katze, die auf eine heiße herdplatte gesprungen ist, wird es nicht wieder tun.
es wäre eigentlich besser, man könnte diese erfahrung löschen, auch auf die gefahr hin, dass man sich wieder verbrennt. aber dann kann man immer wieder aufs neue der welt begegnen: mit dieser unbefangenheit, mit diesem optimismus. so jedoch werden die menschen skeptisch und misstrauisch. sie sind in ihre erfahrung eingeschlossen. ich versuche immer wieder diese erfahrung zu löschen. der preis ist sehr hoch, aber ich möchte mich nicht in diese erfahrung, in dieses gefängnis einschließen lassen.

saup: interessante idee …

weibel: du erschaffst dir eine geschichte. dann wirst du gefangener dieser geschichte, erfahrung zielt darauf aus, schmerz und schaden zu vermeiden. gleichzeitig wird dadurch meine fähigkeit, neue erfahrungen zu machen eingeschränkt. mein horizont wird immer enger, und je älter man wird, umso schlimmer wird dies.
gott sei dank haben jugendliche kaum erfahrungen. aufgrund mangelnder erfahrung stürzen sie sich in abenteuer, von denen ihnen die erfahreneren abraten. doch da sie nicht gefangene sind der geschichte, machen sie es und es geht gut.

saup: das gefängnis der erfahrung ist besonders tragisch, da lokale erfahrungen natürlich auf das globale angewendet werden. die erfahrung bewahrt dich davor, überhaupt etwas kennen zu lernen, was sich außerhalb deines lokalen kulturkreises befindet.

weibel: du wirst ein gefangener, a prisoner of the particular, ein gefangener des besonderen. an einem anderen ort, in anderen kulturkreisen könnte das individuum ganz anders agieren. aber die erfahrung der vielheit ist versperrt. an die erfahrung des universellen glaube ich nicht. es gibt wenig konstanten. es gibt eben nur die vielheit der unterschiede. aber diese vielheit wird einem nicht zugänglich gemacht, da man sich zu sehr an die lokale partikulare erfahrung bindet, die man hier und jetzt gemacht hat.
die kunst sollte es ermöglichen, erfahrungen zu löschen, indem sie neue erfahrungen machen lässt. das gelingt aber nur selten.

escape from the program [of nature]

weibel: es gibt wissen, das die evolution eingeprägt hat. das erdhörnchen weiß, wie es auf eine klapperschlange zu reagieren hat, ohne je eine klapperschlange gesehen zu haben. das ist dieser chip. die reaktion des tieres ist nicht erlernt, die historische erfahrung ist vielmehr genetisch eingeprägt. nur so kann die natur ihre geschöpfe überleben lassen. die tiere sind gefangene der geschichtlichen erfahrung.

saup: das programm ist….

weibel: wir sind gefangene des programmes, wollen aber mehr sein. wenn wir menschen sein wollen, müssen wir den preis bezahlen, erfahrungen auch wieder zu löschen. dann müssen wir das programm löschen. aber das tun nur die wenigsten, da es risiken birgt und weil es zu schaden führen kann. es würde sich eigentlich auszahlen. um sich als mensch weiterzuentwickeln, wäre es notwendig, eben diese programmierungen, wie sie die natur gemacht hat, zu verlassen.

escape from the program [of culture and history]

weibel: von der gesamten historischen kunstproduktion der welt sind nur drei prozent übrig geblieben

saup: übrig im sinne …

weibel: physisch, als material. die menschen produzieren bilder und skulpturen, doch da sich niemand um die objekte kümmert, verschwinden sie, werden weggeschmissen, vermodern. nur drei prozent bleiben übrig.

saup: das ist interessant.

weibel: das ist im prinzip erschreckend, denn kultur zielt darauf, erfahrenes zu bewahren. das ist der einzige grund, wieso menschen bücher schreiben. weil sie wollen, dass von ihren erlebnissen und gedanken später auch andere profitieren können. kultur hat in wirklichkeit nur den einen sinn, nämlich erfahrungen zu tradieren. wenn man jedoch nun den gedanken weiterführt, dass es wichtig ist, erfahrungen auch wieder zu löschen, dann ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass nur drei prozent der kunst übrig bleiben.

saup: (lacht)…

weibel: es geht nicht darum, geschichtliches denken abzuschaffen. man braucht geschichte und erfahrung. aber diese fast grausame einsicht in das überleben der kunstwerke zeigt, dass man geschichte und erfahrung eben nicht nur anhäufen muss, sondern dass es auch möglich sein muss, geschichtliche erfahrung zu löschen.
im besten teil des neuen testaments geht es um das verzeihen. im vaterunser heißt es ‘und vergib uns unsere schuld, wie auch wir vergeben unseren schuldigern’. vergeben heißt nichts anderes, als dass ich die erfahrung wirklich lösche. deshalb interessiert mich dieses christliche programm. wie kann ich aus der erfahrung, aus der geschichte herauskommen? indem ich einfach sage, ich lösche das, was du mir angetan hast.

forgiving the program

weibel: es ist irgendwie ein bisschen unangenehm dies zu sagen. aber wenn man über viele jahre selbst kunst macht, wird man immer weniger empfänglich für die kunst anderer. kannst du, wenn du musik hörst, einfach dazu wippen und tanzen oder analysierst du unwillkürlich, ob diese oder jene sequenz gut gemacht ist? wie empfindest du die musik? kannst du gleichzeitig konsumieren wie analysieren?

saup: ich genieße es, wenn jemand musikalisch etwas aufbaut und mich dann völlig mit einer absoluten kehrtwendung überrascht. ich versuche so wenig information wie möglich unbewusst in mich eindringen zu lassen. ich lasse mich ungern manipulieren von sachen, die ich nicht für gut befinde.

weibel: die offizielle musik, im fernsehen und im radio, kann ich nicht mehr hören, denn sie ist so vorhersagbar. es gibt kaum mehr musik, die mich überraschen kann. deshalb will ich meine zeit nicht mehr dafür verwenden, mich hinzusetzen und eine stunde nur musik zu hören.

saup: ich glaube, dass jetzt ein moment des verzeihens wieder angebracht wäre. wenn ich zum beispiel in einen club gehe, versuche ich immer dem programm, dem allgemeinen programm, auf die schliche zu kommen: dem programm der fortpflanzung und das spiel drum herum. musik ist eine ausprägung dieses programms, eigentlich eine sehr schöne. ich habe mich dazu entschlossen, dem ganzen durchschaubaren programm, das auch musik in sich trägt, zu verzeihen. letztendlich.

weibel: ich finde es sehr interessant, dass du eigentlich immer der analytische beobachter bist. du sprichst von der durchschaubarkeit des evolutionären programms, sozusagen der dna. du bist eigentlich immer interessiert, das programm zu durchschauen.

saup: ja.

weibel: und dieses programm kann sowohl sein genetischer code als auch ein musikcode sein. im grunde betrachtest du alles als programmcode, sei es musik, seien es bilder, seien es menschen, sei es verhalten, du versuchst, den code zu durchschauen. du verzeihst jedoch der durchschaubarkeit. dadurch kannst du dich mit dem programm überhaupt erst versöhnen. sonst hättest du eine feindschaft den menschen gegenüber, der welt, den gegenständen, den tieren. diese feindschaft würde dich selber auslöschen. du verzeihst der natur der durchschaubarkeit ihres programmes, das eigentlich nicht gut ist.

saup: das ist aber schön … (lacht)

weibel: und dadurch, dass ich dem programm verzeihe, kann ich eigentlich wieder weiterleben und weiter arbeiten. in welcher weise haben dir die medien möglichkeiten angeboten, diese durchschaubarkeit voranzutreiben und gleichzeitig das verzeihen? hast du bei den medien hilfe gefunden?

saup: beim verzeihen hab ich bei den medien keine hilfe gefunden …

weibel: eher beim bekämpfen?

saup: ich konnte mich selber programmieren, ich konnte ja praktisch die bilder selber in beliebiger reihenfolge oder die töne oder die lichter auf mich einwirken lassen. dadurch habe ich erkannt, wie andere versuchen, mich zu programmieren, oder mir – freundlicher gesagt – verhaltensmuster nahe legen. ich sehe rhythmen und muster, die mich verlangsamen oder schneller denken lassen und so weiter, das was auch chemische substanzen tun können.

weibel: die medien haben dir eigentlich geholfen, die feindschaft, den abgrund zwischen dir und der welt zu meistern, indem sie dir gezeigt haben, wie du über die sinnesorgane von der welt programmiert wirst.

saup: richtig.

weibel: im hollywood-kino mit seiner überwältigungsästhetik wirst du ständig wie eine laborratte mit signalen überfordert und sollst entsprechend reagieren. das geht mir auf die nerven. das ist keine kunst. über deine schnittstelle, körper, gehirn, gedanken spürst du wie die anderen versuchen, dich zu programmieren.
du hast mit hilfe der medien gelernt, die durchschaubarkeit der programme dieser welt zu erhöhen. du hast gesehen, dass du selbst programmieren, selbst navigieren kannst. das hat dir geholfen, dich zu befreien von der gewalt der welt, die dich immer programmieren wollte.
die medien zeigen, dass die welt eine steuerbare angelegenheit ist. und damit nimmt man der welt auch die wucht. du durchschaust das programm und machst ein gegenprogramm. du zeigst, dass das gewicht der welt nur eine fiktion ist, mit der sie versuchst, mich zu erdrücken. dies ist möglich, wenn man die medien nicht für die abbildung der welt benutzt, und wenn man nicht – wie bill viola – hollywood-ästhetik erzeugt, die auch leider nur mit spezialeffekten überwältigen will. ich fühle mich in seinen installationen genauso unwohl wie in filmen von steven spielberg.

saup: ich gebe dir völlig recht.

weibel: dabei sollten die medien in wirklichkeit zeigen, wie das programm der welt oder der natur funktioniert. sie sollten es durchschaubar machen. denn dies gibt einem die möglichkeit, das programm umzugestalten.

saup: das ist richtig.

weibel: ich glaube, darum geht es bei deiner eigenen kunst. du hast musik und bilder gebraucht, um die durchschaubarkeit des programms nicht nur zu erkennen, sondern selbst das programm ändern zu können. als gegengewicht sozusagen. du verzeihst dem programm seine durchschaubarkeit, doch die medien sind instrumente der kriegsführung.

saup: das verzeihen war eine lektion, die außerhalb der medien liegt.

transcending the program [of death]

weibel: der tod ist der motor der evolution. sie kann nur funktionieren, wenn individuen und ganze arten aussterben. ohne den tod würde auch auf historischer ebene eine unglaubliche dynamik verloren gehen. dann hätten wir immer noch den 134jährigen zaren von russland. doch wenn menschen verschwinden, können neue systeme und ideen entstehen.
ich kämpfe jedoch nicht für den tod, sondern versuche, ihn einzuschränken: wir menschen nehmen an dieser evolution so kurz teil, dass wir sie nicht einmal beobachten können. da wird ein riesiges theaterstück gespielt auf der bühne und wir sehen davon nichts. darum möchte ich gerne, dass wir dieses winzige fenster, diese achtzig jahre, ein bisschen ausdehnen können. damit ich ein bisschen mehr verstehe von diesem theaterstück.
durch die medien kann ich den horizont erweitern, die grenzen überschreiten, die mir die evolution gesetzt hat. wenn die medien eigentlich schon mit träumen beginnen, dann haben sie genau diese aufgabe: nämlich zu versuchen, dieses winzige fenster zu dehnen, damit ich ein bisschen mehr sehe von der evolution. ich kann beispielsweise simulieren, wie dinosaurier ausgesehen haben oder ein bild der welt in 100 jahren entwerfen.

saup: es geht um das fossile und das infossile. eine email oder zwei minuten musik, die aus dem netz gezogen werden, kosten etwa 500 gramm kohle. die kohle ist das alte gedächtnis der welt. wie zum teufel hätten sich die saurier denken können, für was sie eines tages energie spenden werden? dieser gedankliche schritt ist unvorstellbar. es wäre interessant zu fragen, für was unser heutiges infossiles rauschen, wenn es fossiliert ist, energie spenden wird.

weibel: deine kunst ist tief verankert in diesem wunsch, raum und zeit zu überwinden. das fossile sind die reste der evolution, die den tod überschreiten. die jahrtausende alte kohle ist die energiequelle für heutige kultur. es gelingt hier sozusagen, über unseren zeitradius hinauszuspringen und auf erfahrungen und informationen zurückgreifen, die uns heute ernähren. die möglichkeit, aus dem fossilen energie zu gewinnen hat eine ungeheure kulturelle leistung erbracht. etwas, was eigentlich tot ist, und von der evolution verabschiedet ist, kann noch mal für das leben benutzt werden. das sind eigentlich schon die ersten medialen vorgänge. es ist sehr interessant, dass du die medienpraxis in bezug setzt zum fossilen. die fossilen brennstoffe zeigen, dass die medien die tendenz haben, die gesetze der evolution, deren kern der tod ist, zu überspringen.

saup: so war es und so sei es.

[reprogrammed]

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